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Als Urgrossvater starb, regte sich Urgrossmutter schrecklich auf. Sie sagte: "Gefällt mir gar nicht, dass wir ihn in ein Loch in den Boden stecken wollen. Das hätte er sich nicht gewünscht." Mutter setzte ihren besten "Iss-nur-es-bekommt-dir gut"-Ausdruck auf:"Hör mal, Oma, so darfst du nicht reden, er hat es dort hübsch und bequem. Ich meine, er bekommt doch eins der besten Gräber auf dem ganzen Friedhof, drüben im Osten, wo er morgens als erster die Sonne hat, schön geschützt." Onkel Pat schaute besorgt drein. Wahrscheinlich fürchtete er, das Begräbnis könnte abgesagt werden, und er mag Begräbnisse - oder das Besäufnis, das in dieser Gegend so üblich ist. Leichenbegiessen sagen wir dazu. "Ausserdem hat er gute Gesellschaft. Vetter Mike liegt nur wenige Meter weit entfernt." "Er hat Vetter Mike nie gemocht." Urgrossmutter liess sich nicht beeinflussen. "Er sagte immer, er wäre zu vulgär. Er trank sein Bier immer direkt aus der Flasche, und darüber ärgerte er sich jedesmal." Onkel Pat hob verblüfft den Kopf, als überrasche es ihn zu erfahren, dass es noch eine andere Methode des Biertrinkens gebe, und Mutter schaltete sich hastig ein: "Hat keinen Sinn, sich drum zu streiten, begraben wird er. Also machen wir jetzt kein Tamtam drum......" Urgrossmutter aber fragte:"Wieso?", und alle setzten ihre Gläser ab, Mit Ausnahme von Onkel Pat, der ohnehin die Meinung vertrat, ein Mann und sein Glas sollten nicht getrennt werden. "Wieso??" wiederholte Mutter, und Vater, der stets ihrer Führung folgte, sagte:"Ah!", nur um zu beweisen, dass er durchaus eigene Ansichten vertrat. "Weil er begraben werden muss!! Immerhin ist er ja tot." "Das ist noch lange kein Grund ihn in ein dunkles Erdloch zu schmeissen", äusserte sich Urgrossmutter. Sie steigerte sich in eine wirklich aufsässige Stimmung. "Aber Grossmutter", sagte Mutter langsam, "Tote werden immer begraben. Wenn nicht, dann wäre das Leben bald sehr unangenehm." "Bei Mumien nicht", beharrte Urgrossmutter. "Im Völkermuseum stehen sie herum. Ich habe sie gesehen." "Das ist auch etwas anderes." Onkel Pat beeilte sich, sein Wissen zu demonstrieren. "Das sind alte Könige. Balsamiert hat man sie. Ich meine, Grossvater war wohl alt, aber kein König." Sogar besser." Jetzt wirkte Urgrossmutter wirklich aufgebracht. "Ein stinkiger altrer Pharao könnte ihm nicht einmal das Wasser reichen!! Nein, ich bin fest entschlossen. Ich lasse ihn in keinem Friedhof begraben. Ich will ihn an der Stelle haben, wo ich ihn sehen kann, wo er die ganzen neunzig Jahre gewesen ist." Sie schlug mit ihrem Stock energisch auf den Boden. "Ja, hier im Haus. Wenn ihr also haben wollt, was euch eurer Meinung nach zusteht, wenn ich tot bin, dann strengt mal euer Köpfchen an." Damit endete die Diskussion. Ihr Grundbesitz allein erstreckte sich von einem Lebensmittelladen in der Hauptstrasse bis zu einigen zweifelhaften Häusern im Dorfkern, ganz zu schweigen von den Reserven auf einem halben dutzend Bankkonten. Mutter wurde so bleich wie Urgrossvater nebenan. "Oma, das würdest du doch nicht tun!" "An das Heim für streunende Katzen", verkündete Urgrossmutter. "Bis auf den letzten Kreuzer!" Und ohne ein weiteres Wort trottete die alte Dame in ihr Zimmer, eine volle Flasche Gin unter dem Arm. Onkel Pat setzte sich, was immer das Sicherste war. Vater beobachtete Mutter und wirkte dabei wie ein gemeiner Soldat, der seinem Offizier gefallen möchte. Mutter kippte nachdenklich drei Gläser Bloody Mary, die sie unter den gegebenen Umständen für das einzige schickliche Getränk hielt. Gleich darauf nickte Mutter, füllte das Glas erneut, wobei sie jedoch vergass, Tomatensaft dazuzutun. "Wir müssen ihn einlegen", sagte sie. Ich weiss nicht, ob Sie schon mal eine Leiche eingelegt haben, aber wenn ja, dann werden Sie zugeben, dass das keine leichte Aufgabe ist. Beim Einmachen von Zwiebeln und dergleichen konnte man Mutter nichts vormachen, und sie sah eigentlich keinen Grund, warum wir Urgrossvater nicht auf die gleiche Weise versorgen konnten. Aber Onkel Pat wies darauf hin, dass es sich als unüberwindliches Problem erweisen könne, ein ausreichend grosses Einmachglas zu finden. Dann hatte er eine Idee. "Whisky!!!" "Bedien dich", sagte Mutter geistesabwesend. "Du brauchst nicht erst zu fragen." "Nein, legt ihn in Whisky ein. Füllt die Badewanne und weicht ihn ordentlich ein. Wenn ich's recht bedenke, ist er ohnehin schon auf dem besten Wege dazu, bei all dem Zeug, das er schon zu Lebzeiten in sich hineingeschüttet hat." "Das wird aber teuer", wandte Mutter ein. "Wir haben doch die Versicherung", bemerkte Onkel Pat, "und wir sparen den Grabstein. Wollen mal sehen, wir brauchen etwa einhundert Liter für die Wanne, das sind rund 143 Flaschen Whisky zu elf Talern die Flasche, das ergibt......." "Eintausendfünfhundertdreiundsiebzig Taler", sagte ich blitzschnell, und Mutter warf mir einen wirklich stolzen Blick zu. Dann runzelte sie die Stirn. "Verdammt viel Geld, das wir da verschütten." "Wir müssen es als Investition sehen", drängte Onkel Pat. "Ausserdem brauchen wir ja nicht alles wegzukippen. Wir können das Zeug hinterher wieder in Flaschen abfüllen und die Verschlüsse vorsichtig wieder draufmachen und es vielleicht für acht Taler die Flasche weiterverscheuern. Wir können ja sagen, wir hätten uns übernommen." Mutter nickte anerkennend. "Du hast ein kluges Köpfchen, das muss ich schon sagen. Na, dann mal los. Pat, du nimmst den Kinderwagen, und Alfie kann dir mit seinem Go-Cart nachfahren. Ihr werdet wahrscheinlich etwas herumsuchen müssen, da ich nicht glaube, dass Whisky-Al soviel auf Lager hat. Und ihr braucht Geld." Sie holte ihren alten Beutel hinter der Kommode hervor und verteilte drei dicke Geldbündel. Beschafft euch Quittungen", fügte sie hinzu. "Vielleicht können wir noch ein Ding mit der Steuer drehen." Dann wandte sie sich an Vater, der einige Schritte zurückwich. "Du organisierst eine Ladung Backsteine." "Backsteine?" Er war etwas begriffsstutzig. "Ja, Backsteine. Die Dinger, mit denen man Häuser baut. Wir können doch keinen leeren Sarg unter die Erde bringen, oder? Es wäre nicht richtig. Du kannst meine Einkaufstasche nehmen." Ich muss bemerken, dass der Einkauf von hundertdreiundvierzig Flaschen Whisky nicht so einfach ist, wie man sich vielleicht denkt. Der alte Whisky-Al wollte wissen, was wir denn da schwimmen lassen wollten, und Onkel Pat sagte: "Noch so eine Bemerkung, und ich schwimme Ihnen eine in die Kiemen!" Aber wir bekamen siebzig Flaschen aus ihm heraus, mehr konnte der Kinderwagen auch nicht tragen. Dann besorgten wir uns noch dreissig aus dem Supermarkt Buy&Go, womit auch mein Go-Cart gefüllt war. Schliesslich meinte Onkel Pat, wir müssten unsere Einkäufe erst einmal zu Hause abladen, aber vielleicht sollte er zuvor ein Tröpfchen versuchen, ob das Zeug auch die richtige Balsamiereigenschaften hatte, damit Urgrossvater hübsch frisch bliebe. Aus rein wissenschaftlichem Interesse nahm er also einen kräftigen Schluck, erklärte das Zeug für gut und liess die Flasche schliesslich fallen. Traurig starrte er auf die braune Pfütze, die sich in einer kleinen Vertiefung der Strasse ansammelte. Der Whisky war jedoch nicht verschwendet, denn etwa fünf Minuten später taumelte ein grosser Kater vorbei, der sich kaum auf den Pfoten halten konnte. Zur Ladenschlusszeit hatten wir unsere hundertdreiundvierzig Flaschen zusammen. Mutter und Vater waren in der Zwischenzeit auch nicht untätig geblieben. Urgrossvater lag nicht mehr in seinem Sarg, sondern hockte halb zurückgelehnt auf dem Sofa im Wohnzimmer, die Beine gerade von sich gestreckt. Ein Arm war aus irgendeinem Grund in die Höhe gerichtet, als bäte er um Erlaubnis, das Zimmer verlassen zu dürfen. Das lange Flanellnachthemd bauschte sich um seine knochigen Knie, und die Bandage war ihm vom Kinn geglitten, so dass sein Mund aufklaffte. Mutter sagte immer wieder zu Vater:"Schieb ihm doch die falschen Zähne wieder rein". Doch Vater versaute das ziemlich, also musste ich natürlich ran, da Mutter der Ansicht war, Kinder dürften nie ohne Beschäftigung sein. Vater hatte einige Backsteine aufgetrieben, aber nicht sehr guter Qualität, fast alle zerbrochen und ein ziemliches Durcheinander verschiedener Sorten, das vorn und hinten nicht reichte. Mutter seufzte, er sei eben ein Faulenzer und selbst jetzt noch wäre Urgrossvater lebendiger als er. Aber mir kam der Gedanke, die Steine mit Erde aus dem Garten hinter dem Haus aufzufüllen, und Mutter sagte, ich sei ja wirklich schlauer als sie gedacht hatte und schlage bestimmt nicht meinem Vater nach. Nun kam das Wichtigste. Urgrossvater musste eingelegt werden. Onkel Pat sprach sich dafür aus, ihn einfach in die Wanne zu schmeissen und den Whisky über ihm auszuschütten, aber Mutter machte Einwände. So wollte sie es nicht. "Zuerst müssen wir ihn von innen füllen, den Whisky überall verteilen, und ihn dann hineintun, damit er durchweichen kann." "Wie sollen wir denn das anstellen?" Onkel Pat kratzte sich am Kopf. "Er ist nicht mehr in der Lage, das Zeug natürlich runterzuschlucken." "Ich kann doch nicht alles machen", klagte Mutter. "Dabei habe ich zwei Männer im Haus!" "Meine Fahrradpumpe", schlug ich vor. Mutter tätschelte mir den Kopf. "Schlägt nach meinem alten Paps", sagte sie stolz. "Lauf schon, Kleiner, und hol deine alte Pumpe". Als ich zurückkam, hatte man Urgrossvater bereits in die Wanne gelegt, und ich muss sagen, er bot wirklich einen erstaunlichen Anblick mit dem offenen Mund und dem Arm, der sich einfach nicht senken wollte, obwohl Onkel Pat mehrfach versucht, ihn mit der Toilettenkette festzumachen. Aber als ihm Urgrossvaters harte Knöchel unters Kinn knallten, gab er auf. Folgen Sie meinem Rat. Versuchen Sie niie eine Leiche mittels Fahrradpumpe mit Whisky zu füllen, ein hoffnungsloses Unterfangen. Ich füllte die Pumpe, steckte dem Alten den Schlauch in den Hals und drückte zu. Etwas Whisky kam ihm aus der Nase, etwas auch aus den Ohren, aber nichts endete dort, wo wir es haben wollten. Also liessen wir schliesslich davon ab, füllten das Bad, stellten zwei Bügeleisen auf Urgrossvaters Brust und liessen ihn liegen. Am nächsten Tag war Urgrossmutter ausser sich, als sie herausfand, was wir getan hatten. Sie sagte, das Ganze sei eine törichte Whiskyverschwendung, wo doch Methylalkohol die gleiche Wirkung gehabt hätte und viel billiger gewesen wäre. Aber Mutter erwiderte, Methyl sei der Gelegenheit nicht angemessen und könne hinterher nicht wieder verwendet werden. Urgrossmutter sagte:"Nein? Und was ist mit Fensterputzen? Und warum nicht einen schönen Spiritusofen kaufen und das Gas sparen?" Eine Zeitlang keiften alle einander an, bis es Zeit für das Begräbnis wurde. Die Sargträger hatten ziemlich Mühe mit den Backsteinen, und Metzgermeister Glocke bemerkte, nach dem Gewicht zu urteilen, müsse Urgrossvater da ein paar hübsche Bienen bei sich drinn haben. Urgrossmutter erwiderte, er solle seine Zunge hüten, sonst würde sie ihm eins mit dem Schirm über den Kopf geben, und Urgrossvater wäre ohnehin kein Mann der Lüste gewesen - in seinem Alter. Als der Sarg ins Grab gelassen wurde, rissen die Seile und es gab ein ziemliches Rasseln und Poltern, wie es auf einem Friedhof selten zu hören ist. Metzger Glocke sagte:" Himmel, der alte Knabe ist auseinandergefallen." Urgrossmutter hieb nach ihm, traf ihn aber nicht und wäre fast selber noch ins Grab gefallen. Natürlich kamen hinterher alle zum Leichenbegiessen ins Haus, und es gab eine hübsche Singerei. Nun hat es wirklich wenig Sinn, mich zu fragen, was mit Urgrossvater geschehen ist. Onkel Pat, der sich für einen gebildeten Mann hält, wo er doch schon sein ganzes Leben die Wochenzeitung liest, bemerkte, es habe vermutlich mit der Fermentierung des Whiskys zu tun, aber Urgrossmutter murmelte düstere Worte über die Vorfahren des alten Knaben. Offenbar war ein Ur-Ur-Sowieso von ihm mit dem Adelsgeschlecht aus Trans-Irgendwo verwandt, und in jenem Teil der Welt lägen die Toten nicht einfach still herum, wie es in zivilisierten Ländern der Fall ist. Wie dem auch sein mag, es ist eine Tatsache, dass Urgrossvater aus seiner Badewanne kraxelte, wobei Whisky auf den fast neuen Flurteppich tropfte, und Onkel Pats Schlafzimmer ansteuerte. Um ehrlich zu sein, ich hörte ihn sogar die Treppe heraufkommen, wusste aber natürlich nicht, wer das war. Die Schritte waren ein wenig langsam und schwer, dann ging eine Tür, und ehe ich mich versah, brüllte Onkel Pat wie ein Kater der kastriert werden soll. Ich sprang aus dem Bett, hastete über den Treppenabsatz und betrat das Nebenzimmer. Dort stand Urgrossvater, noch immer whiskyfeucht, die falschen Zähne fest in Onkel Pats Hals geschlagen. Er zerrte sich frei, als ich ins Zimmer kam, und die Krankenkassen-Beisserchen lösten sich knirschend aus Urgrossvaters Mund, wie eine Auster, die ihre Schale verlässt. In diesem Augenblick eilten auch Mutter und Vater herbei. Bei ihrem Geschrei, dem Herumgerenne von Onkel Pat, dem die falschen Zähne noch am Hals baumelten, und bei dem Anblick Urgrossvaters, der noch immer stocksteif in der Gegend stand, die Augen vorgequollen, den eingefallenen Mund geöffnet, musste ich mich halten, um nicht laut herauszuplatzen. Onkel Pat bekam das falsche Gebiss schliesslich vom Hals los, und der Anblick vom Blut brachte Urgrossvater erst recht in Fahrt. Er taumelte auf starren Beinen vorwärts, und wir alle sausten Hals über Kopf in den Keller. Der Alte fand aber bald unsere Fährte. Die ganze Nacht polterte er vor der Tür herum und starrte mit milchigen Augen durch das Schlüsselloch zu uns herein. "Das ist zuviel", sagte Mutter, die es sich auf einem Haufen Brennholz bequem zu machen versuchte. "Wir hätten ihn doch richtig begraben sollen, wie es sich gehört." Urgrossmutter, die den Keller als erste erreicht hatte, schnaufte heftig durch die Nase. "Er tut niemandem was!" Ohne Zähne kann er nicht beissen, sondern nur saugen." "Ich dulde es nicht, dass er an mir rumsaugt", sagte Mutter. "Das gehört sich einfach nicht. Er hat sich in einen Vampir verwandelt. Ja, das muss es sein." "Wir müssen ihm einen Holzpfahl durchs Herz treiben", meinte Onkel Pat. "Und ihm dann den Kopf abhacken und eine Knoblauchknolle in seinen Mund legen." Das brachte nun wieder Urgrossmutter in die Arena. "In meinem Haus gibt es keine Holzpfählerei", sagte sie entschlossen."Nicht wenn ihr einmal erben wollt. Ueberlegt euch das nochmals. Ihr könntet ruhig mal an eine arme alte Witwe denken, die niemanden mehr hat. Es ist irgendwie nett und nicht so einsam für mich, wenn er nachts im Haus herumspukt. Wenn er ab und zu mal ein Tröpfchen haben will, um sich die Lippen anzufeuchten, was macht das schon? Dein Mann da hat genug und kann ruhig etwas entbehren. Seht ihn doch an." Alle blickten auf Vater, der sich hinter einer alten Wäschemangel zu verbergen versuchte. Ein nachdenklicher Ausdruck trat in Mutters Augen. "Kommt nicht in die Tüte", sagte Vater sichtlich geschockt. Es war deutlich zu sehen, dass er wirklich keine Lust Hatte. "Ich lasse mich doch nicht von einem sieben Tage alten Leichnam verspeisen." Mutter blickte besorgt zur Decke. "Und so was nennt sich Mann." Sie wandte sich an einen alten Fahrradschlauch. "Er nimmt alles, will aber nie was geben." Kurz vor Sonnenaufgang hörten wir Urgrossvater die Kellertreppe hinaufgehen, und gleich darauf ertönte ein lautes Platschen. "Da liegt er wieder auf seinem Ruhelager", verkündete Urgrossmutter feierlich. "Das tun diese Leute, wisst ihr. Jetzt liegt er schön bequem in seinem Whisky, bis es wieder dunkel wird." Seltsam, wie schnell man sich an etwas gewöhnt. Nach wenigen Nächten eingeschlossen im Keller übernachtend, war uns Urgrossvaters Herumwandern im Haus ganz selbstverständlich. Onkel Pat musste natürlich Schlauberger spielen. Er ging eines Abends ins Kino um die Ecke, wo Draculas Höllenbrut gezeigt wurde. Er versuchte Knoblauchblätter aufzutreiben. Aber da kein Laden so etwas führte, kaufte er statt dessen sieben Pfund reife Zwiebeln, die er zu Ketten aufgereiht über unseren Schlafzimmertüren anbrachte und durch gemalte rote Kreuze ergänzte. Urgrossvater jedoch ignorierte all das und marschierte durch jede offene Tür. Es war eugentlich alles recht traurig, denn Onkel Pat rückte das Gebiss des alten Knaben nicht wieder raus, und kein Vampir kann sich mit blossem Gaumen ans Blutsaugen machen. Er ist wie eine Hausfrau, die ihren Büchsenöffner verlegt hat.Mutter, die ein weiches Herz hatte, kochte ihm ein paarmal Blutwürste, und ich glaube auch, dass er die gemocht hat. Aber es war eben nicht das Wahre, und Vater wurde richtig böse, wenn mal jemand den Vorschlag machte, er sollte ein Literchen Blut herausrücken. Ich weiss nicht, wie die Sache weitergegangen wäre, wenn Onkel Pat nicht in einer Kneipe einen Filmproduzenten getroffen hätte. Offenbar wollte dieser gerade einen Film mit dem Titel Draculas Bruder machen, und der Bursche, der die Hauptrolle spielen sollte, hatte Zahnschmerzen bekommen. Onkel Pat erzählte dem Mann von Urgrossvater und dass wir Mühe hätten, ihn richtig zu ernähren. Der Filmkerl sagte, er hätte vielleicht Interesse, wenn man sich über die Gage einigen könnte. Also kam er eines Abends zu Besuch, und kaum sah er Urgrossvater mit erhobenem Arm und zahnlosem Gaumen herumstolpern, wurde er ganz aufgeregt. "Grossartig, alter Bursche!" Er legte einen Arm um Urgrossvaters Schulter, der ihm augenblicklich in den Hals zu beissen versuchte. "Dagegen sieht ja Christopher Lee wie das Christkind aus." "Fünftausend Taler Anzahlung", sagte Urgrossmutter. "Und fünf Prozent der Bruttoeinnahmen, ausserdem soviel Blut, wie er trinken kann." Als der Vertrag unterzeichnet war, stellte der Filmproduzent fest, dass er Urgrossmutter gleich mit am Halse hatte, also gab er ihr eine Rolle als Draculas Mutter. Der Film hiess MEIN LEBEN ALS VAMPIR und müsste eigentlich auch bald in Ihrer Stadt gezeigt werden. Dabei werden Sie feststellen, dass die Charakterschauspieler alle recht apatisch wirken, was nicht weiter überraschend ist, und dass die Hauptperson keine nennenswerten Dialoge hat. Auch schreit die Heldin des Films ziemlich echt. Das war eigentlich zu erwarten. Uebrigens mussten wir uns eine neue Wanne anschaffen. Urgrossvater besteht auf seine alten Liegestätte, die er immer einnimmt, wenn die Sonne aufgeht. Jeden Abend muss Whisky nachgeschüttet werden, ansonsten weigert sich Urgrossvater stur, weiter für die Filmbranche zu arbeiten. C.Vetterli 10.08 - 14.08.98 |
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